Tanka und Haiku – Japanische Dichtkunst

Japanische Kurzgedichte erfreuen sich auch im Westen zunehmender Beliebtheit, wie die zunehmende Anzahl an Zeitschriften, Blogs und Internetforen zu diesem Genre beweist. Neben den fünfzeiligen Tanka sind es vor allem die aus drei Zeilen und siebzehn Silben bestehenden Haiku, die auch in Deutschland immer mehr Freunde finden. Was ist es, das die Menschen heutzutage bewegt, sich mit Lyrik in höchster Verdichtung zu beschäftigen? In einer Zeit, in der man an einer Flut von Informationen und vorgefertigten Meinungen zu ersticken droht, entsteht bei vielen Menschen eine Sehnsucht nach Ruhe und der Wunsch nach Freiraum für eigene Reflektionen. Wer für eine gewisse Zeit dem Alltagsstress entfliehen will und sich die Zeit nehmen kann, seine Gedanken schweifen zu lassen, freut sich über subtile Anregungen zum Nachdenken. Ausgehend von diesem Startpunkt kann man Fantasien entwickeln, Stimmungen erzeugen und zu einer ganz eigenen Sicht der Dinge kommen.

Kakemono - Kobayashi, 2001

Japanische Gedichte kommen ohne Titel, Reim und Versfuß aus. Sie werden oft in einer einzigen senkrechten Linie geschrieben, wobei der Text kalligraphisch nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet wird. Aus diesen Gründen sind diese Gedichte im Original für das westliche Auge zunächst nur schwer als solche zu erkennen.

 

Das klassische Tanka besteht aus 31 Moren, japanischen Lautsilben, woraus bei der Übertragung in die englische oder deutsche Sprache meist 31 „westliche“ Silben werden. Das Tanka setzt sich aus fünf Segmenten zusammen, auf die sich die Moren wie folgt verteilen: 5-7-5-7-7. In den westlichen Sprachen werden Tanka zeilenweise dargestellt. Oft findet man eine zweigeteilte Gliederung in eine Oberstrophe, 5-7-5, und eine Unterstrophe, 7-7. Durch Weglassung der Unterstrophe entstand im 16. Jahrhundert aus dem Tanka das Haiku, das als kürzeste Gedichtform der Welt gilt. Heute erfreut sich dieses Genre auch in der westlichen Welt einer großen Beliebtheit.

 

Das Tanka wird auch Mijika-uta genannt, was mit „kurzes Gedicht“ oder besser „kurzes Lied“ übersetzt werden kann. Tatsächlich wurden Tanka oft bei feierlichen Anlässen nicht nur rezitiert sondern auch gesungen. Die Tanka-Dichtung entstand im 5. Jahrhundert und wurde am kaiserlichen Hofe in Nara und Kyōto über Jahrhunderte hinweg gefördert und zur hohen Kunst entwickelt. Die japanischen Herrscher veranstalteten Wettbewerbe für Poeten und ließen deren Werke in Anthologien veröffentlichen.

 

Das Tanka-Genre hat sich bis in unsere Zeit immer wieder weiterentwickelt und greift heute auch zeitgenössische Sujets auf. Neben einer thematischen Erweiterung kann man bei modernen Tanka auch eine zunehmende Befreiung von der strengen strukturellen Beschränkung auf die klassische 5-7-5-7-7-Form feststellen.

 

Aufgrund der Kürze der Gedichtform müssen die Verfasser von Tanka ihre Aussagen extrem verdichten und sich mit höchster Präzision ausdrücken. Dennoch ist es gerade die Leichtigkeit von Wortwahl und Rhythmus, die exzellente Tanka auszeichnet. Dichtern, die diese Kunst beherrschen, gelingt es, wie in keiner anderen Gedichtform, Gefühlsregungen auszudrücken und momentane Gedanken und Stimmungen in ihren Versen festzuhalten.

 

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