
Iwan Gontscharow
Iwan Alexandrowitsch Gontscharow wurde am 18. Juni 1812 in der Provinzstadt Simbirsk als Sohn einer traditionsreichen Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater, Alexander Iwanowitsch, war ein angesehener Getreidehändler und mehrfacher Bürgermeister der Stadt, verstarb jedoch bereits, als Iwan erst sieben Jahre alt war. Die Erziehung des Jungen fiel daraufhin in die Hände seiner Mutter, Awdotja Matweewna, und vor allem seines Patenonkels Nikolaj Nikolajewitsch Tregubow, einem pensionierten Marineoffizier. Tregubow prägte Gontscharow entscheidend. Er unterrichtete ihn in Geschichte, Geografie und Mathematik und bot ihm Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek, die Iwans frühe Leidenschaft für Literatur und ferne Länder weckte. Im Alter von zehn Jahren schickte ihn seine Mutter an die Moskauer Handelsschule, wo er acht Jahre lang eine Ausbildung erhielt, die er als einengend und wenig inspirierend empfand. Gegen den Widerstand seiner Familie wechselte er 1831 an die Universität Moskau, um Philologie zu studieren. Diese Studienzeit war für ihn prägend, da er in den intellektuellen Zirkeln der Universität mit zukünftigen Größen wie Alexander Herzen zusammentraf und Vorlesungen besuchte, die sein Kunstverständnis tiefgreifend beeinflussten.
Seine berufliche Laufbahn begann Gontscharow 1834 zunächst als Sekretär des Gouverneurs in seiner Heimatstadt Simbirsk, bevor er ein Jahr später nach Sankt Petersburg übersiedelte, um als Übersetzer im Finanzministerium tätig zu werden. Er verbrachte fast drei Jahrzehnte im Staatsdienst, wobei er die Beamtenwelt, die er später in seinen Romanen oft kritisch beleuchtete, aus nächster Nähe kennenlernte. Ein außergewöhnlicher Einschnitt in sein ansonsten sesshaftes Leben war die Teilnahme an der diplomatischen Mission von Admiral Putjatin zwischen 1852 und 1855. Als Sekretär des Admirals umsegelte er an Bord der Fregatte Pallas die Welt und bereiste Regionen wie Afrika, Südostasien und Japan, um Handelsverträge für das Russische Reich auszuhandeln. Nach seiner Rückkehr stieg er 1856 zum Oberzensor im Volksbildungsministerium auf. In dieser Funktion galt er als gemäßigt-konservativ. Er ermöglichte die Veröffentlichung zahlreicher wichtiger Werke, geriet jedoch auch oft in den Konflikt zwischen staatlicher Kontrolle und künstlerischer Freiheit. Erst 1867 zog er sich als Wirklicher Staatsrat endgültig aus dem aktiven Dienst zurück, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.
Gontscharows schriftstellerisches Schaffen wird heute oft als eine Trilogie über das russische Leben begriffen, da seine drei Hauptromane – deren Titel im Russischen alle mit der Silbe "Ob-" beginnen – den gesellschaftlichen Wandel Russlands meisterhaft einfangen. Sein Debüt "Eine alltägliche Geschichte" (1847) thematisiert den Zusammenprall von provinzieller Romantik und großstädtischem Realismus. Der weltweite Durchbruch gelang ihm 1859 mit "Oblomow", dessen Protagonist durch seine extreme Trägheit zum Sinnbild für die Stagnation des russischen Adels wurde. Die Arbeit an seinem letzten großen Werk, "Die Schlucht" (1869), zog sich über zwei Jahrzehnte hin und beleuchtet das Eindringen nihilistischer Ideen in die patriarchalische Ordnung. Neben seinen Romanen hinterließ er mit dem Werk "Die Fregatte Pallas" ein bedeutendes Dokument der Reiseliteratur.
Die späten Jahre des Schriftstellers waren von gesundheitlichen Problemen, Depressionen und einer wachsenden Isolation geprägt, die durch einen paranoiden Streit mit Iwan Turgenjew über angebliche Plagiate verschärft wurde. Iwan Gontscharow verstarb am 27. September 1891 an einer Lungenentzündung in Sankt Petersburg.